Theater Neubrandenburg/Neustrelitz (Festspiele im Schlossgarten Neustrelitz) • Die Csárdásfürstin Kálmáns Operette open-air im Breitwand-Format
Erinnerungen wabern durch den Raum. Ein Staubsauger steht herum, ein umgedrehter Wäschekorb, Kostüme hängen am Ständer, das Orchester spielt langsam, etwas breit gezogen. Tristesse, ein Ort, der bessere Momente kannte. Der Erzähler berichtet von einem ehemaligen Theater. Allmählich kehrt Leben zurück, die Musik dreht auf, eine mondäne Frau singt, die in Rot nur knapp bekleideten Tänzer wirbeln durch die Szene, der Chor gesellt sich in schickem Gold-Schwarz-Outfit dazu. Emmerich Kálmáns unverwüstliche „Csárdásfürstin“ gibt sich die Ehre, im Breitwand-Format auf der Freilichtbühne des Landestheaters Neustrelitz.
Dirigent Kenichiro Kojima steckt mit der gut gelaunten Neubrandenburger Philharmonie den Spannungsbogen des Operetten-Evergreens von 1915 weit ab, haucht den zahlreichen Ohrwürmern von „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“ bis zu „Machen wir’s den Schwalben nach“ ebenso Sentiment wie Esprit ein. Der Sound mixt eine wohlige Melange aus dramatischem Zuschnitt, Wehmut und pulsierender Leidenschaft.
Regisseur Sven Müller zieht in eigener Dialogfassung eine Linie von der Entstehung bis in die Gegenwart. Einiges bleibt im frühen 20. Jahrhundert verhaftet, daneben gibt es Handys, Hashtags oder Hinweise auf die desaströsen Zustände der Deutsche Bahn. Broadway-Look gehört auch dazu, vor allem beim Ballett in knalliger Flower-Power. Ausstatterin Lena Brexendorff gönnt den Akteuren satte Farben und wandelbare Requisiten für rasche Wechsel. Sven Müller nutzt das bunte Interieur für flotte Abläufe, viel Bewegung ohne Hektik. Die Inszenierung wirkt modern, verzichtet aber auf plumpe Aktualisierung. Sie kostet die Dekadenz aus und baut komödiantische Kabinettstückchen ein. Standesdünkel und Puszta-Verve, Schampus und Intrigen, Liebeslust samt Luftballons in Herzform, Weltschmerz und das notorische Happy End purzeln hier meist fröhlich durcheinander, durchweht von der Melancholie einer versinkenden Epoche und geflutet durch dralle Optik-Reize vom Feinsten.
Amy Share-Kissiov zitiert in ihrer Choreografie das traditionelle Schritt-Vokabular und schafft mit originellen Einwürfen immer wieder Hingucker, die von der Deutschen Tanzkompanie mit entsprechendem Schwung ausagiert werden. Das Ensemble präsentiert sich durchgängig hoch motiviert. Andrés Felipe Orozco gibt seinem Edwin tenoralen Glanz, Laura Scherwitzl gefällt als quirlige Anastasia. David Fischer als Fürst Leopold und Wiebke Frost als seine gar nicht so dezente Gattin Anhilte entwickeln stringente Rollenprofile mit Komik. Laura Albert ist eine emanzipiert-extravagante Sylva Varescu und Richard Glöckner erweist sich als wahre Glücksbesetzung: Sein Graf Boni kommt als Buffo aus dem Bilderbuch daher, witzig, agil, frech und ziemlich fesch. Das Premieren-Publikum genießt trotz windig-kühlem Wetter diese blitzblank geputzte, prächtig aufgehübschte „Csárdásfürstin“.
Jürgen Rickert
„Die Csárdásfürstin“ (1915) // Operette von Emmerich Kálmán
Infos und Termine auf der Website des Theaters Neubrandenburg/Neustrelitz
