Theater Kiel • Idomeneo An der Ostseeküste wird Mozarts Oper zum Gesamtkunstwerk
Wenn sich die Protagonistin mit dem letzten Akkord und dramatischer Geste die Kehle aufschlitzt und im Publikum begeisterter Jubel losbricht, muss es sich entweder um eine Ansammlung von Sadisten handeln – oder aber um das selten gewordene Musiktheater-Glück einer vom ersten Ton bis zum finalen Bild nicht nur stimmigen, sondern auch packend-mitreißenden Inszenierung. Im Kieler Opernhaus ist aktuell letzteres zu erleben, denn Regisseur Immo Karaman ist mit seiner ebenso schlichten wie bestechenden Bühnenbild-Idee, vor allem aber mit seiner Theatralisierung von Mozarts „Idomeneo“ ein kleiner, großer Coup gelungen, der selbst die sonst eher kühlen Norddeutschen geradezu enthusiastisch reagieren lässt.
Zu Recht, denn der Theatermann aus dem Ruhrpott durchleuchtet nicht nur das Innenleben der dramatis personae – vor allem versteht er es, diese Psychoanalysen sichtbar zu machen. Er bedient sich eines geradezu genialen Kniffs, indem er Mozarts seinerzeit hinzukomponierte Ballettmusik kurzerhand als Idee für das gesamte Werk nutzt und ein Dutzend Tänzer den ganzen Abend die Seelen der vom Schicksal Getriebenen in all ihrer Tiefe (und Verzweiflung) widerspiegeln lässt. Analytische Klarheit und eine bisweilen messerscharfe Beobachtung, die diese Opera seria des jungen Salzburgers in den Vorraum psychoanalytischer Durchleuchtungen führt.
Dass der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt solch ein Regieglück widerfährt, entspringt zum einen dem leergeräumten, allein von schwarzen Gazevorhängen abgesteckten und von Lichtringen und -schranken markierten Bühnenraum, im ständigen Wandel zwischen Himmel und (Seelen-)Hölle, wo sich die Gegner des Trojanischen Kriegs stumm gegenüberstehen und betanzen. Zum anderen liegt es an einem Ensemble, das an diesem Abend die gern benutzte B-Haus-Kategorisierung vergessen lässt und keinen großstädtischen Vergleich scheuen muss: Lassen sich doch auch (fast) alle Gesangssolisten auf ebendiese Seelenschau ein – Sigmund Freud hätte seine Freude gehabt.
Allen voran zu nennen ist Xenia Cumento als trojanische Prinzessin Ilia, deren beredete Körper- und Gestensprache ebenso berührt wie ihre lyrischen Qualitäten und die fein nuancierten emotionalen Wechsel. Doch auch Tamara Banješević, die als mykenische Prinzessin Elettra mit ihr um die Gunst des Idamante (agil: Clara Fréjacques) wirbt, heimst am Ende verdientermaßen Bravi für ihren variantenreichen, ja bisweilen feuerspeienden Sopran ein – da fällt es auch nicht so ins Inszenierungsgewicht, dass Dashuai Chen in der Titelrolle zwar ordentlich singt, darstellerisch indes eher grau bleibt.
Ganz anders die Kieler Philharmoniker: Unter Felix Pätzold legen sie mit subtil ausgeleuchteten Klängen weitere Tiefenschichten offen, klangfarben- und timbrereich und im rechten Moment zurückgenommen, differenziert in den Tempi, sodass die Details dieser reichsten aller Opernpartituren Mozarts tatsächlich ausgekostet werden. Manchmal lohnt sich eben der Ausflug in die kleineren Musiktheater …
Christoph Forsthoff
„Idomeneo“ (1781) // Dramma per musica von Wolfgang Amadeus Mozart
