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Rezensionen 2020/06

Neuer Stern am Barockhimmel

Bayreuth / Bayreuth Baroque Opera Festival (September 2020)
Fulminanter Einstand mit Porpora-Rarität „Carlo il Calvo“

Bayreuth / Bayreuth Baroque Opera Festival (September 2020)
Fulminanter Einstand mit Porpora-Rarität „Carlo il Calvo“

Eine fünfstündige Barockoper in Corona-Zeiten: Der Countertenor und Regisseur Max Emanuel Cencic hat auf seinem ersten neuen „Baroque“-Festival in Bayreuth ein Wunder vollbracht. Seine Entschlossenheit, Nicola Antonio Porporas unbekannte Oper „Carlo il Calvo“ ohne Kürzungen, Abstandsregeln und szenische Einschränkungen als Herzstück im prächtigen Markgräflichen Opernhaus zu präsentieren, damit das Publikum einmal fünf Stunden lang die Pandemie vergessen kann, zahlte sich aus. Und das noch dazu im restriktiven Söder-Bayern.

So einen langen Opernabend mit üppiger Ausstattung hat man seit dem Lockdown nicht mehr erlebt. Porpora – um zumindest ein paar Worte über den Komponisten zu verlieren – muss mindestens ebenso produktiv gewesen sein wie Händel, mit dem er 1733 um das Londoner Opernpublikum rivalisierte. Jedenfalls soll er an die 60 Opern geschrieben haben! „Carlo il Calvo“ handelt von einem verfeindeten Familienclan. Das Stück spielt zur Zeit der Karolinger und setzt nach dem Tod des Kaisers Ludwig dem Frommen ein. Aber der Konflikt, ein Erbstreit, der allerhand Grausamkeiten nach sich zieht, mutet so zeitlos aktuell an, dass das kaum wichtig ist. Der Transfer ins Kuba der 1920er Jahre gelingt jedenfalls allemal überzeugend. Im Zentrum steht Lottario, das korrupte Familienoberhaupt, fulminant von Cencic mit Weißhaarperücke als fieser Alter gemeistert. Er entführt seinen Halbbruder, den Titelhelden, und ist sogar bereit, den sechsjährigen Jungen – dem im Stück nur eine stumme Rolle zukommt – brutal ermorden zu lassen, damit sein Sohn Adalgiso (Virtuose mit ungewöhnlich langem Atem: Franco Fagioli) an die Macht kommt. Am Ende geht aber alles gut aus, weil Adalgiso, der Carlos Schwester Gildippe (mit lyrischer Schönheit in einer ihrer besten Rollen: Julia Lezhneva) liebt, sich gegen den Vater stellt und den in dieser Produktion nicht kahlen, dafür aber behinderten, kindergelähmten Carlo rettet.  

Die von Porpora an die Sängerinnen und Sänger gestellten Ansprüche sind immens: Seine Melodien und Arien schrauben sich nahezu ins Endlose fort, erfordern mithin große Ausdauer und langen Atem. Daher erscheint es nur folgerichtig, dass Cencic seinem rundum vorzüglichen Ensemble, zu dem neben den Genannten auch Suzanne Jerosme als Carlos Mutter Giuditta zählt, im Szenischen nicht zu viel abverlangt. Dass die Produktion gleichwohl mitnichten statisch wirkt, verdankt sich einem raffinierten Kunstgriff: 18 Statisten als zusätzliche, weitverzweigte Mitglieder des Familienclans illustrieren das Geschehen auf der opulent, mit mehreren Räumen und herrlichen Blickfängen von Pflanzen und Ölgemälden ausgestatteten Hacienda (Bühne: Giorgina Germanou) mit Aktionen im Hintergrund. Darunter eine Oma im Rollstuhl, die sich über das Verscheiden der Bosse schieflacht. Und so wie bisweilen nicht nur in solchen Momenten schwarzer Humor mitschwingt, wird der Abend nie lang. Das griechische Barockorchester Armonia Atenea erwies sich bei alledem einmal mehr als eines der besten für solche Produktionen. Vom Cembalo aus musizierte George Petrou mit ihm schwungvoll, klanglich differenziert und elegant. 

Kirsten Liese

„Carlo il Calvo“ (1738) // Nicola Antonio Porpora

Gut gestylt

Chemnitz / Theater Chemnitz (August 2020)
Love and Rock im unverwüstlichen Musical-Klassiker „Hair“

Chemnitz / Theater Chemnitz (August 2020)
Love and Rock im unverwüstlichen Musical-Klassiker „Hair“

Eigentlich war für das Große Haus „Evita“ geplant. Corona-bedingt und Freiluftbühnen-kompatibel hat Chemnitz dann aber mit dem Broadway-Klassiker „Hair“ auf der Küchwaldbühne die Spielzeit eröffnet. Weil man bei der ursprünglich für „Evita“ gecasteten Musicalcrew farbige Darsteller „vergessen“ hatte, gab es einen Entrüstungssturm im Social-Media-Wasserglas. Es folgte eine Korrektur im Nachhinein und alles in allem ein respektabler Publikumserfolg zum Auftakt. „Hair“ ist längst ein Kassen-treffsicherer Klassiker. Es ist das rebellische „Make love, not war“ der 68er-Revolte in eine Folge von unverwüstlichen Hits übersetzt. Den Zeitgeist so auf den Punkt zu bringen wie hier bei Gerome Ragni, James Rado und Galt MacDermot, gelingt nicht oft. Heute hat das natürlich etwas Nostalgisches. Den ästhetisch und politisch revoluzzernden Hippielook von einst hat Sebastian Ellrich stilisiert nachempfunden. Elegantes Weiß zum knackigen Sixpack, viel Klunkern und Klimbim auch für die Männer. Bühnenbildner Sam Madwar hat für jeden Darsteller eine eigene Box auf der Bühne platziert – ein Setzkasten, den jeder von hinten kapern und der sich in der Mitte teilen kann. Das funktioniert fabelhaft für die Nummernrevue, die Regisseur Thomas Winter und sein Choreograph Jerome Knols mit leichter Hand pragmatisch auf die Bedingungen dieser Waldbühne zugeschnitten haben. Das Team modernisiert dezent stilisiert, verlässt sich aber vor allem auf die Überzeugungskraft der Songs und das Charisma der 14-köpfigen Crew.

Die im Hintergrund platzierte, vom Chemnitzer Kapellmeister Jakob Brenner geleitete sechsköpfige Band (Keyboard, Reed, Gitarren und Drums) liefert den Sound für die Songs, die es bei den wegen Corona auf 300 begrenzten Zuschauern natürlich nicht schwer haben. Und so schnurrt das Ganze in kurzweiligen 90 Minuten reibungslos ab. Ohne aufgesetzte Aktualisierung, aber doch mit dem Kriegstrauma im Zentrum. Einberufungsbefehle verbrennen war schon damals keine Lösung. So wenig wie blinde Wut gegen Polizeigewalt, Rassismus oder Trump.

Die Sehnsucht nach einer besseren Welt freilich ist noch heute ungebrochen. Und sei es im Zeichen des „aquarius“, des Wassermanns … „Hair“ erzählt von Menschen einer Generation, die gegen die Verhältnisse aufbegehren, die sie zu ersticken drohen. Die vom Militär in die Realität zurückgeholt werden, aber bei ihrer Botschaft von Liebe und Toleranz bleiben. Dieses Musical ist ihr Denkmal. In Chemnitz hat man bei allem Ernst vor allem seine Freude dran. An Tempo und Maß von Musik und Tanz. Und daran, wie jeder seine Chance bekommt, sich zu produzieren. Umständehalber ohne den ganz großen Ausstattungspomp. Dafür voll auf den Sound, die Hippies und ihr Sexappeal konzentriert. Im Moment ist das allerhand.

Joachim Lange

„Hair“ (1967) // Galt MacDermot

Mehr als ein Lebenszeichen

Bregenz / Bregenzer Festspiele (August 2020)
Impressionen von den „Festtagen im Festspielhaus“

Bregenz / Bregenzer Festspiele (August 2020)
Impressionen von den „Festtagen im Festspielhaus“

Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Ideen – vor diesem Hintergrund muss man Elisabeth Sobotka und ihrem Team für diese Mehr-als-Notversion eines Corona-bedingt eingeschränkten Sommerspektakels gratulieren. Grund genug, dem auch eine außergewöhnliche Rezension folgen zu lassen – ausnahmsweise nicht beschränkt auf die zeitgenössische Oper „Impresario Dotcom“, der die höchste Aufmerksamkeit in dieser auf eine Woche reduzierten Festtage zuteilwurde. Das Auftragswerk von Ľubica Čekovská nach einer Komödienvorlage von Goldoni handelt von der prekären Situation arbeitsloser Sängerinnen und Sängern und leistet somit unwillkürlich einen Beitrag zur aktuellen Corona-Zeit. Die Handlung ist kurz wie eindrucksvoll: Ein ausbeuterischer Impresario verlangt, dass man unter Wasser singen müsse. Anfangs sträuben sich einige Künstler noch dagegen, aber in der Not unterwerfen sie sich beim Vorsingen den zerstörerischen Anforderungen. Regisseurin Elisabeth Stöppler hat das Stück minimalistisch eindrucksvoll umgesetzt, mit unheimlichen Videoprojektionen von Menschen, die im Aquarium ihre Münder bewegen und sich Corona-konform auf Abstand halten. Die Musik wirkte in ihrem experimentellen Charakter streckenweise zwar etwas monoton, aber dann und wann lässt sie aufhorchen, wenn die Komponistin Zitate aus Opern von Mozart, Gluck, Offenbach, Bizet und Verdi einbringt und diese einfallsreich verfremdet. Gesungen und musiziert wurde unter der Leitung von Christopher Ward am Pult der Vorarlberger Symphonieorchesters aufs Trefflichste.

Sehr kreativ reagierte auch ein Konzert unter dem Titel „Vocal Distancing“ mit dem Ensemble „The Present“ und dem Gitarristen und Lautenisten Lee Santana auf die Corona-Abstandsregeln. Das Ensemble ließ Alte und Neue Musik aufeinanderprallen und stellte sich dafür in variierenden Besetzungen räumlich unterschiedlich auf. Für die Sopranistin Hanna Herfurtner, die kurzfristig ihre Reise absagen musste, sprang Johanna Zimmer ein, die sich stupend mit einem vergleichbar schönen, luziden Sopran ins Ensemble einfügte und das schwierige Solo „Gebet“ von Sidney Corbett, das die Stimme stark strapaziert, souverän meisterte.

Den Höhepunkt markierte ein Liederabend mit den beiden Nachwuchssängern Anna El-Kashem (Sopran) und Johannes Kammler (Bariton), die Lieder von Hugo Wolf und Richard Strauss so nuanciert, ausdrucksreich und textverständlich darboten, dass man hätte meinen können, sie hätten bei Dietrich Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf studiert.

Für einen grandiosen Abschluss sorgten schließlich die Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan mit einem Richard-Strauss-Programm. Der Abend offenbarte vielfach geprobte klangliche Finessen und eine sorgsam gepflegte Wiener Klangkultur. Dazu waren die Symphonischen Dichtungen „Don Juan“  und „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ angesichts rasanter Stimmungswechsel, einer gewissen Rauschhaftigkeit, durchsetzt mit anspruchsvollen Bläsersoli, die alle Solisten makellos darbrachten, ideal gewählt.

Kirsten Liese