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Rezensionen 2021/01

Brüche und Widersprüche

Cottbus / Staatstheater Cottbus (Oktober 2020)
Tschaikowskis „Mazeppa“ als atemberaubende Studie über den Untergang eines Imperiums

Cottbus / Staatstheater Cottbus (Oktober 2020)
Tschaikowskis „Mazeppa“ als atemberaubende Studie über den Untergang eines Imperiums

Andrea Moses zieht in Cottbus für „Mazeppa“ alle Register. Zumindest all die, die das Virus zulässt. Wie sich im Laufe des etwas über zweistündigen, pausenlosen Abends zeigt, sind gerade mal hundert Zuschauer privilegierte Teilnehmer eines Opernereignisses von Rang.

Im Graben müssen GMD Alexander Merzyn und die 26 zugelassenen Musiker des Philharmonischen Orchesters den ganz großen Tschaikowski-Opernton treffen. Was ihnen mit aller Kraft und viel Geschick hervorragend gelingt. Auf der Bühne tragen selbst die Sänger Mundschutz, wenn sie sich zu nahe kommen. An dieses „Maske auf – Maske ab“ gewöhnt sich der Zuschauer so schnell, wie es ihm im eigenen Alltag (und beim Überschreiten der Schwelle des Theaters) halt auch zunehmend gelingt. Die Sänger muss das nerven. Aber die Freude daran, endlich mal wieder ihren Beruf auszuüben, überwiegt hörbar. Das russisch singende Protagonisten-Ensemble ist phantastisch – vom kraftvollen Andreas Jäpel in der Titelpartie über Tenorstrahlemann Alexey Sayapin als Andrej bis hin zu Kim-Lilian Strebels leidenschaftlicher Maria und Ulrich Schneider und Gesine Forberger als deren Eltern. Der im gesamten ersten Rang verteilte Chor (Einstudierung: Christian Möbius) steuert von da nicht nur einen fulminanten Raumklang bei und diskutiert zuweilen das Geschehen.

Der charismatische Kosakenhauptmann Mazeppa ist bei Moses, Christian Wiehle (Bühne) und Meentje Nielsen (Kostüme) ein prototypischer Wende-Gewinner und Macher des einziehenden entfesselten Neukapitalismus. Bei seinem Politikerhabitus à la Trump blitzt szenischer Witz vor der heruntergekommenen Plattenbaufassade auf. Die hat eine offene Wunde in Form eines Sowjetsterns. Offenbar eine metaphorische Bruchstelle, die das private Alltagsleben der Menschen auch nach dem Ende der Sowjetherrschaft immer noch beherrscht. So wie auch das Trauma von Stalins Großem Terror. Daran wird erinnert, wenn der Vater Marias zum prototypischen Opfer der Mächtigen wird, der in der Neuerzählung der Geschichte in einer metaphorischen Todeszelle nicht nur in der Maske eines russischen Bären, aus Sowjetfahnen nostalgische Shorts mit Hammer-und-Sichel-Logo nähen, sondern unter Folter jeden noch so absurden Unsinn zugeben muss, der ihm in den Mund gelegt wird. 

Wenn in kyrillischer Schrift ein Plakat „besseres Wohnen in der neuen Residenz“ verspricht und in kyrillischen Lettern „Lüge“ darüber geklebt wird, spielt die Regie mit den erfahrungsgespickten Vorkenntnissen des Publikums in einem der östlichsten Theater der Republik.

Im deprimierenden Finale dieser eindrucksvollen Inszenierung hat Maria den Verstand verloren. Mazeppa hat Andrej erschossen und ist auf der Flucht. Das alte Hochhaus ist zerstört, etwas Neues wird wohl vorerst nicht gebaut. Kinder betteln zwischen den Ruinen. Und spielen Krieg. Was mag es da wohl nützen, dass sich die schwer gezeichnete Maria die kyrillischen Buchstaben für „Demokratie“ auf die Brust gemalt hat? 

Roberto Becker

„Mazeppa“ (1884) // Pjotr I. Tschaikowski

Mit Kostüm und Abstand

Berlin / Komische Oper Berlin (Oktober 2020)
Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ – ein fantasievoller Hingucker

Berlin / Komische Oper Berlin (Oktober 2020)
Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ – ein fantasievoller Hingucker

Zweieinhalb Stunden höheren Blödsinn verspricht Barrie Kosky in seiner Rede vor der Premiere von Jacques Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ in der Komischen Oper Berlin. Doch zuvor macht er seiner Enttäuschung in Richtung Politik Luft. Die hat bekanntlich entschieden, alle kulturellen Einrichtungen vorerst zu schließen, weil sie zur Freizeitindustrie gezählt und mit Fitness- oder Nagelstudios gleichgesetzt werden. Dabei wurde in seinem Haus ein solch ausgeklügeltes Hygienekonzept entwickelt – „fünf Sterne“ sei es wert, so Kosky –, dass Infizierungen kaum möglich sein sollten.

Auch seine Offenbach-Inszenierung hat der Regisseur der Corona-Zeit angepasst und den notgedrungenen Abstand künstlerisch verarbeitet. Es gibt keine Ausstattung, das Ballett besteht nur aus einem Tanzquartett, das Orchester aus 18 Musizierenden, der Chor ist ganz gestrichen. Der Clou sind die Kostüme von Klaus Bruns. Die ausladenden Reifröcke und Fatsuits, die er entworfen hat, sind fantasievolle Hingucker und garantieren körperliche Distanz.

Die 1867 komponierte „Großherzogin von Gerolstein“, die zu den erfolgreichsten Operetten Offenbachs zählt, handelt von einer Potentatin, die aus Langeweile einen Krieg anzettelt und dabei willkürliche Entscheidungen trifft. So befördert sie den schmucken Soldaten Fritz, auf den sie ein Auge geworfen hat, kurzerhand zum obersten General. Der ist siegreich, wählt aber am Ende das Bauernmädchen Wanda. Die Großherzogin bleibt allein zurück – und genießt es. So die abgewandelte Schlusspointe von Barrie Kosky, der die Militär- und Obrigkeitssatire als überdrehte Typenkomödie für das Gesangsensemble der Komischen Oper inszeniert hat. Alle Rollen sind sogar doppelt besetzt, weil eine zweite Premiere vorgesehen ist.

Jens Larsen bestätigt als General Bumm seine Qualitäten als bassschwarzer Vollblutkomiker, Alma Sadé ist eine quirlige Wanda, Ivan Turšić ein etwas blasser Fritz. Die Titelpartie hat sich der Bariton Tom Erik Lie als Travestie passgenau zurechtgelegt. Er ist eine Großherzogin von imposanter Statur, agiert humorvoll und ohne Übertreibung. Auch stimmlich macht Lie das prima, dröhnt kein bisschen opernhaft, sondern singt wendig und mit einem Schuss Kabarett. Warum er allerdings den Text weitgehend in seiner Muttersprache Norwegisch vortragen muss, die dann von Baron Puck (Tijl Faveyts), einem der Hofschranzen, übersetzt wird, erschließt sich nicht.

Unter der Leitung von Alevtina Ioffe, kurzfristig für James Gaffigan eingesprungen, erzeugt die reduzierte Instrumententruppe einen entschlackten Offenbach-Sound, auch Tempo und Timing stimmen. Nur klappt es nicht immer mit der Koordination zwischen Orchestergraben und Bühne. Der Abend spart nicht an Gags, er nimmt den Krieg in trashigen Revueszenen und mit viel verstärktem Geballere aus dem Off auf die Schippe. Gleichwohl ist er nicht ganz rund, mancher Witz nutzt sich durch Wiederholung ab und auch an der Aussprache könnte noch gefeilt werden. Gelegenheit zur Optimierung bietet die nach dem Lockdown geplante Wiederaufnahme.

Karin Coper

„La Grande-Duchesse de Gérolstein“ („Die Großherzogin von Gerolstein“) (1867) // Opéra bouffe von Jacques Offenbach