So viel Klassenkämpferisches alten Stils auf einmal gibt’s auch nicht alle Tage. Das Staatstheater Kassel lädt vor der szenischen Erstaufführung von Hanns Eislers (1898-1962) so monumentalem wie agitatorischem Opus „Deutsche Symphonie“ zum gemeinsamen Singen von Arbeiterliedern ein. Sicherheitshalber nicht nur mit Noten und Texten für den sangeswilligen Teil des Publikums, sondern auch mit Chor und Blaskapelle – von „Bella Ciao“ bis hin zur „Internationalen“. Das passt zum Festivalmotto „Deutschland, Deutschland unter anderem. Musiktheater im Präfaschismus“. Wobei man sich schon zu fragen beginnt (bzw. fragen sollte), ob der zweite Teil des Mottos die 20er und beginnenden 30er Jahre des 20. oder nicht doch des 21. Jahrhunderts meint.

Der erste Teil des Festivalmottos korrigiert das „über alles“ des Deutschlandliedes in ein „unter anderem“. Mit Eisler hätte man sich auch auf die andere deutsche Nachkriegshymne beziehen können, zu „Auferstanden aus Ruinen“ von Johannes R. Becher hat er die Musik geschrieben. Im Westen Deutschlands ist er vor allem als Komponist dieser Hymne bekannt – und geschmäht. Dabei ist Eisler als Schönberg-Schüler ein Komponist von Rang, der als Kommunist und Jude nur im Exil überleben konnte. Dass er nie offizielles KP-Mitglied war, nützte ihm vor dem McCarthy-Ausschuss nichts. Er wurde 1948 aus den USA ausgewiesen, landete schließlich in Ost-Berlin und komponierte dem neuen Staat seine Hymne. Dass man dort bald die Vision des einig Vaterlandes beim offiziellen Absingen weglassen musste, passte freilich auf makabre Weise auch zu Eislers persönlichen Leiden an Deutschland.

In seiner „Deutschen Symphonie“, die entgegen ihres Namens deutlich mehr als ein Orchesterstück ist, leidet Eisler explizit daran; vor allem an den Folgen von Krieg und Faschismus. Zusammen mit seinem Freund Bertolt Brecht hat er dieses Opus mit seinem anklagenden Pathos von 1935-1947 in den USA komponiert, uraufgeführt wurde es erst drei Jahre vor seinem Tod 1959 in Ost-Berlin. Es ist auch im Nachhinein betrachtet ein seltenes Beispiel einer klassenkämpferischen Entschlossenheit, die heute fremd anmutet. Fremder jedenfalls als die wiederbelebten Parolen von der anderen Seite der Barrikade.

In der offenen Raumstruktur der in Kassel vom Publikum inzwischen angenommenen Interimsspielstätte steht diesmal das Orchester optisch im Mittelpunkt. Unter Kiril Stankow nimmt es den größten Teil der Spielfläche vor der Zuschauertribüne ein und entfaltet ungebremst die volle Wucht von Eislers kämpferischer Diktion.

Für Paul-Georg Dittrichs Inszenierung hat Pia Maria Mackert mehrere simultan bespielte Räume um das Orchester platziert. Entscheidend für den szenischen Zugriff ist jenes Studio oben rechts, auf dessen Fenster die New Yorker Freiheitsstatue ihren Schatten wirft. Dort ringt der sofort als solcher erkennbare Hanns Eisler in gleich sechsfacher Gestalt mit den Umständen und sich, um mit seiner Musik dem Rad der Zeit in die Speichen zu greifen. Und mit der Enttäuschung, als ihm klar wird, dass er damit keinen Erfolg haben kann. Eine Ebene darunter findet sich ein Zimmer, in dem ein Familienvater in brauner Uniform seine blonde Familie um sich versammelt. Und in dem Areal darunter tummeln sich wie in einer Zeitkapsel all die, die nach dem Krieg am liebsten nicht dabei gewesen wären. In der Szenenfolge treten auf: Bertolt Brecht (Stefan Hadžić) als dichtender Partner. Fritz Lang (Ilseyar Khayrullova) in der Versenkung bei Dreharbeiten an einem Schwarz-Weiß-Film über die Judenverfolgung in Deutschland. Hilde und Hans Coppi als Protagonisten der Roten Kapelle. Und mittendrin Schauspieler Clemens Dönicke als wortgewaltiger Eisler und an seiner Seite Marta Kristín Friðriksdóttir als der prachtvoll beflügelte, auf Walter Benjamin und Heiner Müller zurückgehende Engel der Verzweiflung. Wahrscheinlich hat sich Benjamins berühmter Engel der Geschichte hier umgedreht und ist beim Blick in die Zukunft zum Engel der Verzweiflung geworden. Eine Pointe, die man wohl nur als Mahnung auffassen kann.

Roberto Becker

„Deutsche Symphonie“ // Musiktheater nach Hanns Eislers Werk (entstanden 1935-1947; Uraufführung 1959)

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Kassel