Gellende Schreie durchdringen das Markgräfliche Theater, die Hausherrin ergreift die Flucht vor ihrem brutalen Mann. Der schlägt die dem Wahnsinn Verfallene und lässt sie von seiner Dienerschaft abtransportieren. Nachdem es in den vergangenen Jahren in der noch jungen Geschichte des Bayreuth Baroque Opera Festivals eher vergnüglich zuging, gilt es in der siebten Ausgabe mit Händels „Floridante“ eine höchst düstere Barockoper zu erleben. 

Überzeugend verlegt Max Emanuel Cenčić die Geschichte um den brutalen Patriarchen, der seine Stieftochter gegen ihren Willen heiraten will, aus dem antiken Persien in das georgianische Zeitalter. Seine Inszenierung ist inspiriert von der britischen Schriftstellerin Jane Austen, die in ihren Romanen selbstbewusste Frauen im 19. Jahrhundert beleuchtet, die sich gängigen Rollenbildern widersetzen.

Wie diese Heldinnen ist Elmira eine Rebellin, die sich keineswegs freiwillig ihrem Peiniger unterwirft, als sich ihr Oronte unerwartet in den Weg stellt, nachdem er ihre Liebesheirat mit Floridante schon abgesegnet hatte.  Aber was kann sie schon ausrichten gegen den Tyrannen? Orontes Frau, die Cenčić als stumme Figur dazu erfindet, wird im zweiten Akt zu Grabe getragen, sein weibliches Dienstpersonal belästigt der Macho ganz nebenbei. Und nach Elmiras misslungener Flucht mit ihrem Liebsten steht der Fiesling in einer schaurigen Gewitternacht als Vergewaltiger vor ihr. Erst später wird sie erfahren, dass Oronte gar nicht ihr vorgeblicher Stiefvater ist, sondern sich als unrechtmäßiger Herrscher an die Macht geputscht und ihren Vater ermordet hat.

Die musikalische Einstudierung von Markellos Chryssicos, bestimmt von flotten Tempi und einem bisweilen herben Klang, exponiert den dramatischen Furor der Oper. Das polnische Wrocław Baroque Orchestra versteht sich zudem bestens auf den Feinsinn, den es beim Musizieren braucht, damit die zarteren Stimmen in ihren Arien unangestrengt leise singen können.

Cenčić ist im Alter von 49 Jahren, in dem viele Karrieren in diesem Stimmfach schon ein Ende genommen haben, immer noch ein glänzender Virtuose, auch wenn sein Countertenor etwas dünner geworden ist. Insbesondere die empfindsamen Melodien, die aus dem Musikdrama hervorstechen, wenn Floridante allen Widrigkeiten zum Trotz Elmira seine Treue beschwört, singt er mit anrührender Zärtlichkeit. Mit der Altistin Sonja Runje steht ihm als Elmira eine Partnerin zur Seite, deren Qualitäten ebenfalls im Gestalterischen liegen. Gerrit Illenberger gibt den Wüstling Oronte szenisch eindringlicher als mit seinem weniger gefährlich anmutenden Bariton. Die schönsten und von ungleich größerer Strahlkraft gesegneten Stimmen dieser Produktion gehören dem Sopranisten Bruno de Sá und der Sopranistin Eva Zalenga, die das Stück als zweites Paar mit lustigen Szenen auflockern.

Als eine erste Adresse für die Barockoper empfiehlt sich Bayreuth Baroque wiederholt mit seiner ansprechenden Ästhetik, imposanten Roben (Kostüme: Corina Gramosteanu) und Interieurs (Bühne: Helmut Stürmer). Das lässt darüber hinwegsehen, dass die Inszenierung anfänglich ein wenig statisch wirkt.

Kirsten Liese

„Floridante“ (1721) // Dramma per musica von Georg Friedrich Händel

Infos und Termine auf der Website des Bayreuth Baroque Opera Festivals