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Für Gefühle war da keine Zeit

Nachgefragt bei Michael Kupfer-Radecky, dem sehr spontanen „Einspringer-Wotan“ der Bayreuther Premieren-„Walküre“

Nachgefragt bei Michael Kupfer-Radecky, dem sehr spontanen „Einspringer-Wotan“ der Bayreuther Premieren-„Walküre“

Interview Iris Steiner

Wie und wann haben Sie erfahren, dass Sie den dritten Akt der „Walküre“ von Tomasz Konieczny übernehmen sollen? Wie wir wissen, hatte dieser im zweiten Akt einen schweren Bühnenunfall mit einer Liege, die unter ihm zerbrochen ist.

Ich habe das ungefähr 20 Minuten nach Beginn des zweiten Akts erfahren – zuhause in meiner Wohnung außerhalb von Bayreuth. Das Festspiel-Betriebsbüro rief an und meinte: „Michael, könntest Du vielleicht kurz kommen? Wir wissen gerade nicht genau, was passiert – komm bitte sicherheitshalber mal.“ Ja, dann bin ich hin. Anderthalb Stunden vor Beginn des dritten Akts war ich im Festspielhaus und fünf Minuten nach Beginn der Pause nach dem zweiten Akt hieß es: „Michael, jetzt übernimm bitte den dritten.“

Waren Sie denn als Cover für die Partie vorgesehen?

Nein, aber ich hatte vor sechs, sieben Wochen eine sogenannte Stand-in-Probe. Der Kollege Konieczny konnte damals noch nicht vor Ort sein, aber das Regieteam brauchte jemanden, der bei den Bühnenproben da steht, damit die Kolleginnen und Kollegen einfach eine Bezugsperson haben. Deswegen habe ich zwei Tage quasi mitgeprobt, aber danach die Regie und das, was ich dort aufgenommen hatte, sofort wieder vergessen. Weil ich ja kein offizielles Cover war.

Es war Ihr erster und dann noch sehr spontaner Wotan-Einsatz in Bayreuth. Ihr Schluss als trauriger Gott war für uns einer der bewegendsten Momente des Abends. Was haben Sie in diesem Moment und kurz vorher gefühlt? Über was denkt man in einem solchen Augenblick nach?

Tja, die Gefühle vorher und nachher: privat gar keine, denn dafür hat man keine Zeit. Was ich noch sehr gut aus den Proben wusste, war die intensive Charaktersituation, die mir Valentin Schwarz geschildert hatte. Das konnte ich mir sehr gut zurückrufen. Und diese Emotion des Alleinseins, des Wegschickens des liebsten Menschen, was einen völlig zerbricht und dass die eigene Welt, das eigene Drumherum zusammenbricht und nicht mehr funktioniert, das kam in dem Moment in mir hoch, als ich dort auf der Bühne lag.

Kann eine solche Situation eine Karriere auch negativ beeinflussen? Hatten Sie Angst, vor den Ohren der Opern-Weltöffentlichkeit zu scheitern?

Ich habe wie gesagt nicht so viele Gedanken daran verschwendet in dem Moment oder davor. Danach, als der Vorhang zuging, dachte ich mir schon: Gott, was hast Du jetzt gemacht …! Da kam’s dann bei mir erst an. Es sind mir ja doch – da ich die Partie länger nicht gesungen, aber präsent hatte – ein, zwei Textfehler passiert. Und auch hier und da war ich nicht immer ganz mit Cornelius Meister zusammen … aufgrund der Situation des Einspringens. Da gab’s dann kurz schon den Moment, in dem man überlegt, ob das jetzt richtig war. Hätte ich es rein aus karrieretechnischen Gründen nicht lieber lassen sollen? Aber dann hat beim Vorhang-Rausgehen das wunderbare Entgegenkommen des Publikums und die schöne Presse danach bestätigt, dass es die richtige Entscheidung war. Und jetzt schauen wir mal.

Weil Sie das gerade eben erwähnt hatten: Wann und wo haben Sie den Wotan denn schon gesungen?

Das letzte Mal vor anderthalb Jahren am New National Theatre Tokyo, davor an der Staatsoper Budapest, am Staatstheater Oldenburg und ganz zu Beginn bei den Tiroler Festspielen Erl.

Vier Tage nach seinem Spontan-Einspringen das eigentliche Debüt: Als Gunther („Götterdämmerung“) war Michael Kupfer-Radecky nach Bayreuth engagiert worden (Foto Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath)

Wie waren generell die Reaktionen auf Ihren Einspringer-Einsatz? Die Kritik hat mit Lob ja nicht gespart, wie Sie selber sagen …

(lacht) Das ging auch so weiter im Privaten. Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Als die Vorstellung vorbei und ich mit den Kolleginnen und Kollegen bei einem Aftershow-Bier war, ist mein Handy explodiert. Das kannte ich zwar von Kollegen schon, aber wie viele Nachrichten da auf einmal gekommen sind von Menschen, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte, war schon sehr erstaunlich. Die Reaktionen waren von professioneller wie von privater Seite unglaublich positiv und sehr, sehr erfreulich.

Möchten Sie den Wotan in Bayreuth denn generell einmal in Erstbesetzung singen?

Naja, diese Frage mit „Nein“ zu beantworten, wäre natürlich nicht richtig. (lacht)

Andersherum gefragt: Sind Ihre Chancen jetzt gestiegen, den Wotan in Bayreuth einmal in Erstbesetzung singen zu können?

Ach, das weiß ich gar nicht. Das hängt von so vielen Dingen ab, da bin ich realistisch. Ich glaube, ich habe eine gute Visitenkarte abgegeben – und werde einfach warten, was passiert. Ich habe einen sehr guten Kontakt zur Festspielleitung hier und werde den aktuellen „Ring“ als Gunther auf jeden Fall bis zum Ende begleiten, das steht schon fest. Was dann darüber hinaus passiert – jetzt speziell bei den Bayreuther Festspielen – das wird man sehen in den nächsten Monaten oder im nächsten Jahr. Klar, der Wunsch wäre da, das wäre sicher ein Traum. Aber ob die Chancen größer oder weniger groß dadurch geworden sind, kann ich nicht beurteilen.

Sie haben in Ihrer eigentlichen Rolle als Gunther ebenfalls durchweg positive Kritiken erlebt und sind auch positiv in Erscheinung getreten. Der Beifall des Bayreuther Publikums hat das auch bestätigt. Die Regie fiel dagegen weitgehend durch. Sie hätten jetzt die Chance, etwas zu Valentin Schwarz’ Konzept zu erzählen, was wir bisher noch nicht wussten und vielleicht wissen sollten.

Ehrlich gesagt, hat uns Valentin zumindest in der Arbeit an der „Götterdämmerung“ mit allem, was davor passiert, nicht so sehr „belästigt“, damit wir uns auf das Eigentliche konzentrieren. Ich habe erst mit den Generalproben einen großen Bogen bekommen und dann aber viele Sachen, die wir in der „Götterdämmerung“ gemacht haben, verstanden und nachvollziehen können. Ich bin aber natürlich auch sehr beteiligt und sehr „mit drin“ durch die ganze Probenarbeit und das intensive Miteinander-Arbeiten. Ich sehe da eine Linie. Ob die jetzt richtig ist oder nicht für den Einzelnen, möchte ich nicht beurteilen, das steht mir auch nicht zu. Ich verstehe sie, finde sie gut und habe Spaß daran gehabt. Valentin Schwarz hat es verstanden, uns als Sänger-Team mit seinen Ideen zu begeistern, es war ein sehr schönes, intensives Arbeiten mit ihm. Das ist heutzutage leider nicht mehr selbstverständlich.

Unspektakuläre Meisterschaft

Zum Tod von Bernard Haitink

Zum Tod von Bernard Haitink

von Dr. Wolf-Dieter Peter

So geht es in unseren Zeiten des Spektakulären, Grellen, Sensationellen erfreulicherweise auch: einfach Können. Doch das auf höchstem Niveau. Und noch einmal erfreulich: einfach solide und „künstlerisch gesund“ gewachsen. Das prägt den Gesamteindruck der internationalen Dirigentenpersönlichkeit Bernard Haitink. Prompt sagte ihm der damals führende englische Musikkritiker: „Sie sind viel zu vernünftig für einen Dirigenten.“

Schritt für Schritt zur Weltkarriere

Der 1929 in Amsterdam geborene Haitink absolvierte erst nach dem Violin-Studium eine zweijährige Dirigier-Ausbildung. Als prägende Persönlichkeit nannte er später immer wieder Ferdinand Leitner. Der bot ihm eine Stelle in Stuttgart an und half dann bei Haitinks Entscheidung: Zweiter Dirigent beim Niederländischen Radioorchester. Laufbahn-typisch: 1956 ein Einspringen für Carlo Maria Giulini beim Royal Concertgebouw Orchestra, weitere Engagements über acht Jahre hinweg und dann 1964 Künstlerischer Direktor dieses Elite-Ensembles. Ihm blieb er lebenslang verbunden – mit kritischen, nie persönlichen, immer künstlerisch motivierten Bruchstellen: Einmal wendete seine Kündigungsdrohung drastische finanzielle Kürzungen ab, die 23 Instrumentalisten ihre Stellung gekostet hätte; Jahre später konnte ein Streit über schon gestrichene Assistenten-Stellen durch einen Sponsor beigelegt werden. Im Juni 2019 dirigierte er in Amsterdam das erste seiner weltweiten Abschiedskonzerte.

Dazwischen liegt viel musikdramatischer Lexikon-Stoff: immer mehrjährige Phasen, denn Haitink liebte es, im Team zu arbeiten, so mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Boston Symphony Orchestra, der Staatskapelle Dresden, dem London Symphony Orchestra, dem Chicago Symphony Orchestra samt regelmäßiger Dirigate in Wien und Paris sowie als Ehrendirigent der Berliner Philharmoniker. 1987 folgen fünf Jahre als Musikdirektor der Royal Opera Covent Garden. Haitinks Sinn für dramatische Mahler-Interpretationen führte dazu, dass das hochrenommierte Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ihn zu einer Gesamtaufnahme von Wagners „Ring“ nach München holte, ergänzt durch viele andere Einspielungen. Insgesamt ist seine Weltkarriere durch eine wahre Fülle an Aufnahmen und Mitschnitten dokumentiert. Er selbst schätzte im Interview den Wechsel zwischen Podium und Graben: Oben reizte ihn, mit zweitausend Augenpaaren im Rücken, diese „einsam-gemeinsame“ Verantwortung von ihm und Orchester, im Moment des Musizierens die Komposition zu verwirklichen; unten liebte er im Zusammenwirken von ihm, Orchester, Solisten und Bühne das Entstehen von emotionaler Dramatik, die es sonst nirgendwo zu erleben gab.

60 Jahre Routine?

Um Haitink war kein Glitter & Glamour, dafür aber der Atem für den großen Bogen und frisch wirkende Authentizität: Er dirigierte nie aus seinen alten Partituren, sondern kaufte bei der Wiederbegegnung mit einem Werk eine neue Taschenbuch-Ausgabe und suchte mit jedem neuen Orchester im anderen Saal eine Interpretation abseits der Routine. So wurde er als stilsicherer Interpret des großen klassischen Repertoires geschätzt, das von Mozart und Beethoven bis zu Strauss reichte. Doch er griff auch zurück auf Haydn, dirigierte andererseits den Zeitgenossen Turnage und las ständig neue Partituren. Ihn freute, „Parsifal“ dirigiert – und er bedauerte, „Tristan“ „versäumt“ zu haben.

Einem nicht öffentlich breitgetretenen Privatleben – immerhin vier Ehen – entsprach eine skandalfreie Karriere von fast 60 Jahren. Mit feinem Lächeln sagte er einem Kritiker der New York Times „Auch Dirigenten haben ihr Verfallsdatum“ – und zog sich mit einer fast weltweit gespannten Kette von Abschiedskonzerten 2019 vom Podium zurück. Nun ist er von seinem Londoner Zuhause aus in den Musikolymp aufgestiegen.

Mit Spannung erwartet

„Fire Shut Up in My Bones“ an der Met

„Fire Shut Up in My Bones“ an der Met

Ganz besonders hinweisen möchten wir auf eine historische Premiere: Als erste Oper eines afroamerikanischen Komponisten geht „Fire Shut Up in My Bones“ in die 138-jährige Aufführungsgeschichte der Metropolitan Opera in New York ein. Der amerikanische Jazzkomponist und Trompeter sowie sechsfache Grammy-Gewinner Terence Blanchard beschert seinem Werk breite musikalische Monologe, Gospelchöre und unvorhersehbare Melodien. Berühmt wurde er mit kraftvollen Filmmusiken, die er für die Spielfilme von Spike Lee schrieb.

Das Libretto von Kasi Lemmons erzählt die anrührende und tiefgründige Geschichte eines jungen Mannes, der seine Stimme erst findet, nachdem er sich mit seiner schmerzhaften Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Verkörpert wird die Hauptrolle des Charles von Bariton Will Liverman, einem aufregenden jungen Opernsänger der Gegenwart. Die Starsopranistinnen Angel Blue und Latonia Moore übernehmen die weiblichen Hauptrollen. Als Dirigent für die Adaption der bewegenden Memoiren von Charles M. Blow konnte der musikalische Direktor der Metropolitan Opera, Yannick Nézet-Séguin, gewonnen werden.

„Fire Shut Up in My Bones“ setzt aber noch einen weiteren Meilenstein: Camille A. Brown, die bei dieser Neuinszenierung gemeinsam mit James Robinson Regie führt und damit die erste schwarze Regisseurin ist, die jemals eine Bühnenproduktion an der Met inszeniert. Sie zeichnet auch für die Choreografie verantwortlich. Die umjubelte Uraufführung 2019 am Opera Theatre of Saint Louis wurde von der New York Times als „kühn und berührend“ und „subtil kraftvoll“ gewürdigt.

Unsere Autorin Gabriela Scolik wird die Übertragung der Produktion im Rahmen von „Met Opera live im Kino“ am 23. Oktober besuchen und anschließend im „orpheus“ ausführlich darüber berichten.

zur Website von „Met Opera live im Kino“

Kultur bei Würth

… und ein Abend mit Juan Diego Floréz

… und ein Abend mit Juan Diego Floréz

von Iris Steiner

Seit 2017 gibt es die auf Initiative des Unternehmers Reinhold Würth ins Leben gerufenen Würth Philharmoniker – ein Orchester, das unter der Leitung seines Chefdirigenten, Celibidache-Schüler Claudio Vandelli, bereits mit zahlreichen internationalen Stars zusammenarbeitete. Neben einer Kunstsammlung von Weltrang verfügt der kleine schwäbische Firmenstandort Künzelsau jetzt also auch über einen äußerst veritablen Klangkörper, eine Veranstaltungshalle mit 2.500 sowie einen Kammermusiksaal mit 600 Plätzen. „Kultur und Gemeinschaft als integralen Bestandteil des Firmenlebens im Herzen des Unternehmens verankern“, beschreibt Stararchitekt David Chipperfield die Vision des 86-jährigen Würth, der inmitten unverstellter Hohenloher Landschaft in direkter Umgebung zur Firmenzentrale ein modernes, 2017 eröffnetes „Begegnungszentrum“ baute.

Gleich der Auftakt zur äußerst hochkarätigen Kunstsaison 2021/22 – in schwäbischer Bescheidenheit lediglich überschrieben mit „Kultur bei Würth“ – erweist sich weitaus weniger bescheiden. In direkter Umgebung zu Kunstgegenständen von Weltrang nicht ganz unerwartet, titelt ein geschmackvoll gestaltetes, umfangreiches (!) Programmheft mit „Sommerzeit!“ und lädt zum Arienabend mit Startenor Juan Diego Flórez samt großem Orchester. Pandemiebedingt nur vor kleinem Publikum, fühlt sich dieser launige Abend mit von allen Plätzen unverstellter Sicht auf den Opernstar beinahe an wie ein exklusives Kammerkonzert. Die Programmauswahl zwischen Best-of-Rossini und -Lehár tut ihr Übriges, um das Livemusik-entwöhnte Publikum zu Beifallsstürmen hinzureißen. Eine sehr charmante Zugaben-Idee: südamerikanische Lieder, bei denen sich Floréz selbst nur auf der Gitarre begleitet. Nach dem Konzert: die weite Hügellandschaft beim Sonnenuntergang direkt vor dem Eingang in voller Schönheit. Na also, geht doch!

Das Carmen Würth Forum (Foto Arsart / Ufuk Arslan)

„Musik ist imstande, kulturelle, soziale und sprachliche Barrieren zu überwinden und universelle Gemeinschaften entstehen zu lassen.“ Eine Überzeugung, mit der das Unternehmerpaar Würth ihr großes Engagement nun auch für die Musik begründet. Neben dem eigenen Orchester am Standort Künzelsau verfügt die 2008 gegründete Musikstiftung noch über zwei wertvolle Violinen, die momentan als Leihgaben von den beiden Geigerinnen Veronika Eberle und Ksenia Dubrovskaya gespielt werden.

„Weitblick – Reinhold Würth und seine Kunst“ lautet der Titel eines großen Bildbandes über das direkt an die Veranstaltungsräume angegliederte Museum Würth 2. Dem ist nichts hinzuzufügen …

Die Nachtigall 2020

Ehrenpreis für Brigitte Fassbaender

Ehrenpreis für Brigitte Fassbaender

von Iris Steiner

Am Rande der Premierenfeier ihrer „Rheingold“-Produktion für die Tiroler Festspiele Erl ehrte die Jury des Preises der deutschen Schallplattenkritik Kammersängerin Brigitte Fassbaender mit der „Nachtigall“ – dem Ehrenpreis für Künstlerinnen und Künstler, die über alle Grenzen hinweg unser Musikleben nachhaltig beeinflusst haben. Die Trophäe, eine Bronzeskulptur von Daniel Richter, konnte pandemiebedingt erst ein Jahr später überreicht werden. PdSK-Juryvorsitzende Eleonore Büning würdigte in ihrer Rede die vielschichtige, facettenreiche Karriere der unverwechselbaren Jahrhundertstimme, die nach ihrem Abschied von der Bühne 1985 eine zweite erfolgreiche Laufbahn als Regisseurin und Opernintendantin begann. In diesem und den Folgejahren wird Fassbaender den gesamten „Ring“ für die Tiroler Festspiele Erl neu inszenieren.

Herausfordernder Optimismus

Serge Dorny und Vladimir Jurowski führen ab Herbst 2021 die Bayerische Staatsoper

Serge Dorny und Vladimir Jurowski führen ab Herbst 2021 die Bayerische Staatsoper

von Wolf-Dieter Peter

Intendant Serge Dorny, der von der Opéra de Lyon kommende Belgier, und der derzeit noch in Berlin als Orchesterchef tätige Vladimir Jurowski als neuer GMD präsentierten zusammen mit Ballettdirektor Igor Zelensky ihre erste Spielzeit – voller Optimismus, ab Herbst trotz Pandemie in vollen Zügen loslegen zu können: „Jeder Mensch ein König“ als Motto; viele bunte, regenbogennahe Balken im neuen Logo; elf Premieren; zwei Kleinfestivals vor den offiziellen Festspielen.

Keine Mozart-, Rossini-, Verdi- oder Wagner-Premiere und vom Hausgott Richard Strauss nur „Capriccio“, dieses halb-moderne „Sahnetörtchen“ für Kenner – dafür aber acht andere Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert und auch ein Gutteil der Akademiekonzerte mit Werk-Verbindungen zu den Opernpremieren: kein bequemes Zurücklehnen und kein Protzen mit Star-Abenden in Parallelität zu Berlin, Wien, Mailand oder auch Paris.

Neues und „Öffnung“

Ob sich mit den im Herbst dann wohl offensichtlichen beruflichen wie privaten Belastungen, Beschränkungen und Engpässen alle Kunstinteressierten im Motto „Jeder … ein König“ wiederfinden, sei dahingestellt. Eindeutig aber betont die Staatsoper ihr „Bayerisch“ und „Niederschwellig“ mit zehn „Oper-für-alle-Abenden“ im „Septemberfest“ in Ansbach und München – so soll dann jeweils eine Stadt im Land pro Spielzeit folgen. Erste Premiere im Nationaltheater wird am 24. Oktober die Erstaufführung von Schostakowitschs „Nase“ sein, Jurowski am Pult und für die Szene der in Russland noch immer unter Hausarrest stehende Kirill Serebrennikow. Also womöglich eine weitere Inszenierung per Video-Schalte: auch kein Zurücklehnen für das gesamte Produktionsteam im Haus, aber eben eine Kunst-Entscheidung, denn Serebrennikow gilt als Experte für den zur damaligen Uraufführung vorgesehenen Wsewolod Meyerhold. Diese überlegte Ernsthaftigkeit findet sich im Spielplan mehrfach – etwa auch bezüglich „Giuditta“ für Weihnachten/Silvester/Fasching. Mit dem an der Wiener Staatsoper und damaligen Stars wie Jarmila Novotná und Richard Tauber uraufgeführten Werk wollte Lehár sich endgültig als „seriöser Komponist“ etablieren – und zu diesem damals scheiternden Versuch passt dann eben Alt-Regisseur Christoph Marthaler. Mit dem „Schlauen Füchslein“, „Peter Grimes“, einem seltenen Haydn für die Sänger des Opernstudios im Cuvilliéstheater, mit „Les Troyens“ und „Die Teufel von Loudun“ als Festspieleröffnung folgen Herausforderungen, gipfelnd in einem neuen kleinen Festival „Ja, Mai“ – doch auch da kein bairisch-kulinarisches „Wonnemonat“-Programm: drei Kammeropern des zeitgenössischen Duos Georg Friedrich Haas und Händl Klaus werden mit Monteverdi-Madrigalen in Beziehung gesetzt – ein so gedachtes, aber bislang nie so aufgeführtes „Triptychon“, jeweils erstklassig besetzt, unter Mitwirkung von Residenztheater, Kammerspielen und Volkstheater sowie dem Münchner Kammerorchester. Im Brunnenhof der Residenz als „Agora“ sollen zusammen mit anderen Kulturinstitutionen und der neu gegründeten Abteilung „Offstage360“ Neues und „Öffnung“ vorangetrieben werden – bei Preisen von 8 bis 25 Euro.

Wirken, Überzeugen, Gewinnen

Auch das Staatsballett bietet Wiederaufnahmen, gipfelnd in Neumeiers „Sommernachtstraum“ und der Premiere von „Cinderella“. Auch wenn die Tanzfeier von „30 Jahre Staatsballett“ pandemie-bedingt ausfiel, umso mehr freut sich die Compagnie auf die Einladungen ins St. Petersburger Mariinsky- und Moskauer Bolschoi-Theater. So wie hier Ballettdirektor Igor Zelensky ausführlich eingebunden war, so erfrischend offen, differenziert und erkennbar freudig engagiert äußerte sich auch GMD Vladimir Jurowski. Er gab sich als großer Ballett-Fan zu erkennen und hofft, gleichsam als Fortführung seiner Anfänge an der Komischen Oper Berlin, in einer der kommenden Spielzeiten selbst ein großes abendfüllendes Ballett zu dirigieren: die Gespräche mit Zelensky laufen. Jurowski bekannte sich zu den Grundprinzipien des „Felsenstein-Theaters“ und der prägenden Zusammenarbeit mit dem damaligen Star-Regisseur Harry Kupfer – weshalb er sich auf die kommende Zusammenarbeit mit einem Regisseur wie Simon Stone in den „Teufeln von Loudun“ freue. Auf diesen Werdegang führte er auch seine Entscheidung zurück, sowohl Schostakowitschs „Nase“ wie Pendereckis „Teufel“ in der jeweils härteren, auch dissonanteren Erstfassung einzustudieren; sehr eloquent und inhaltlich überzeugend legte er zu diesen, seinen beiden Premieren dar, dass es ihm um den politischen Kern gehe, um den Kampf von „individueller Identität gegen Unfreiheit“. Die Programme seiner drei Akademiekonzerte hat er zu den jeweiligen Premieren und dem dann hoffentlich in originaler Orchesterbesetzung vor Publikum zu spielenden „Rosenkavalier“ in spannende Beziehung gesetzt. Dass es in den nächsten Festspielen gemäß der „Hausgott“-Tradition einen Strauss-Schwerpunkt geben wird, verbanden Jurowski und Dorny zum wiederholten Mal mit einem ausdrücklichen Bekenntnis zum Ensemble-Gedanken und dem Repertoire-Prinzip.

Alle drei Herren wirkten erkennbar „publikumsbezogen“. Nicht ein Hauch von Ich-bezogenen Intendanten- oder Direktoren-Attitüden stellte sich ein. Vielmehr präsentierte sich ein „Team“, das miteinander unbedingt loslegen, das mit seinen Vorhaben wirken, überzeugen und gewinnen will. An der Bayerischen Staatsoper geht also ein Trio an den Start – mit selbst über den Bildschirm ausstrahlendem Optimismus, mit erkennbarer Vorfreude auf die gemeinsame künstlerische Arbeit. Auguri a tutti tre!

zur neuen Website der Bayerischen Staatsoper ab der Spielzeit 2021/22

Über sich hinaus tönen …

Mezzosopranistin Christa Ludwig mit 93 Jahren verstorben

Mezzosopranistin Christa Ludwig mit 93 Jahren verstorben

von Wolf-Dieter Peter

Eine kleine Szene charakterisiert die Grande Dame aller Mezzosopranistinnen perfekt: 1966 jagte Karl Böhm im Bayreuther Festspielhaus in der DG-Aufnahme des zweiten Aufzugs des „Tristan“ die Leidenschaften tönend-tosend hoch. Isolde Birgit Nilsson wollte jauchzend dem Geliebten das Zeichen geben; Brangäne Christa Ludwig warnte eindringlich, hob plötzlich die Hand und bat in Bayreuths „mystischen Abgrund“ hinunter um Unterbrechung. Sie winkte aus der Kulisse den Assistenten heran, blätterte eine Seite zurück, trat an den Rand zum Graben und flüsterte in schönem Wienerisch „Ich hab’ eb’m ‚weil du erblödet, wähnst du den Blick der Welt erblindet‘ g’sungen. Es muss umgekehrt …“ Böhm raunzte im allgemeinen Gelächter etwas Unverständliches zurück, biesterte noch hörbar „Birgit, schrei’ ned’ a’so!“ – dann tobten die Liebeswogen erneut und später erklangen die schönsten „Habet acht!“-Rufe Brangänes, die die damalige Musikwelt kannte …

Wache Selbstkontrolle und grandioses Tönen über alle Noten hinaus: Das machte einen Abend mit „der Ludwig als …“ zum unvergesslichen und Maßstäbe setzenden Erlebnis. Und das „als …“ umfasste Novitäten bei den Donaueschinger Musiktagen, über Dürrenmatt-von Einems „Alte Dame“, Bernstein, Strauss, Bartók, Berg, Orff, Puccini, Mahler, Berlioz, Bizet, Saint-Saëns, Verdi, Bellini, Rossini, Mozart, Gluck, Händel bis zu Monteverdi nahezu „alles“ – neben vielen, vielen anrührenden oder auch expressiv überwältigenden Liederabenden auch eine der ersten weiblichen „Winterreisen“.

Stufe für Stufe an die Spitze

Begonnen hatte das 1928 in einem enorm, ja außerhalb der Norm prägenden Elternhaus: der Vater Sänger-Intendant, die Mutter Sängerin, lebenslang beratende („Du bist zum Talent verdammt“) und kontrollierende „Wächterin“ über ein hochbegabtes Mädchen, das alles zum Theater und Singen von Anfang an mitbekam, imitierte und studierte. Das half nach dem Ausgebombt-Sein, speziell 1946 am Anfang der Besatzungszeit: im Berliner GI-Club Songs für Zigaretten, die sie dann tauschen konnte. Im Gegensatz zu den meisten heutigen „Starkarrieren“ oder PR-Hypes arbeitete sich Christa Ludwig Stufe für Stufe an die Spitze – Gießen, Frankfurt, Darmstadt, Hannover. Bis 1955 Karl Böhm die hochgewachsene junge Frau mit der enormen Bühnenpräsenz an die Wiener Staatsoper holte. Nach den frühen Azucenas und Lady Macbeths in den kleineren Häusern – prompt mit den kleinen Gefährdungen fürs Feine und Piano – in Wien nun also Cherubino, Dorabella und weiterer organischer Repertoireaufbau. Mit Grenzen: Angesichts des herrlich strömenden, zu weicher Tiefe fähigen Mezzosoprans, dem auch ein strahlendes C zu Gebote stand, kam über „Fidelio“ hinaus natürlich das mehrfache Angebot zu Brünnhilde – und von Böhm, Karajan und Bernstein das Drängen zu Isolde. Doch so wie Christa Ludwig selbst in ihren konstitutionell kräftigsten Jahren klug genug war, die „Fidelio“-Leonore nur einmal in der Woche zu singen, so schmerzlich einsichtig erkannte sie, dass sie ihrer Stimme mit der Isolde Gewalt antun würde – so wie sie Verdis Eboli nach einem missglückten Spitzenton nie mehr sang. Nach 46 Jahren Weltkarriere – neben allen anderen ersten Namen der Opernwelt – in Wien dann ein rundum bedauerter, strahlender Karriereabschied mit 66 Jahren und einem besonderen Ende draußen vor der Bühnentür: „Ich wollte mich mal in Ruhe erkälten. So lange musste ich aufpassen auf diese blöden Stimmbänder! Ich hab’ den Mantel auf- und den Hals freigemacht und ging in den Schnee.“

„Mehr als …“

Vieles ist in Lexika, Biografien und gehaltvollen Interviews in Wort, Ton und Bild nachseh- und nachlesbar, mehr als in anderen Sängerbüchern auch nachlesenswert. Für alle die, die „La Ludwig“ nicht mehr live erlebt haben, gibt die Fülle ihrer Aufnahmen und Mitschnitte betörenden Trost. Für den Stimmfreund sein müssen: als Einstieg die pure vokale Verführung der Dalila in der Patané-Einspielung; Maßstab-setzend unerreicht die Judith neben Damals-Ehemann Walter Berry in Bartóks „Blaubart“ unter István Kertész; antiquarisch die CD zum 70. Geburtstag mit Elektra und Brünnhilde-Ausschnitten von 1964; neben etlichen akustischen Mitschnitten die Fernseh-Aufzeichnung ihrer in Bann schlagenden „Fidelio“-Leonore aus der Deutschen Oper Berlin 1963; der Bootleg-Mitschnitt der 1966 als die „wahre künstlerische Eröffnung der neuen Metropolitan Opera“ gefeierten „Frau ohne Schatten“ mit dem „Dream-Team“ Böhm-Rysanek-King-Ludwig-Berry; die offiziellen „Tristan“- und „Parsifal“-Einspielungen. Und dann gibt es eine Aufnahme, die jeden Musikfreund anrühren und überwältigen wird: 1966 nahm der schon schwer kranke Otto Klemperer in London Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ auf; Fritz Wunderlich sang wie von Todesahnungen durchdrungen ein bislang unübertroffenes „Trinklied vom Jammer der Erde“ (es war seine letzte Aufnahme); und wenn dann Christa Ludwig im „Abschied“ nach dem kleinen Orchesterteil mit „Die liebe Erde …“ wieder einsetzt, muss man schon hartgesotten sein, um nicht feuchte Augen zu bekommen, weil da Töne über sich hinausweisen ins finale „Ewig … Ewig …“. Da ist Danke zu sagen – für dieses „mehr als …“, das der singende Mensch vermitteln kann. Was einen durchs Leben begleitet und bleibt …

Manfred Rietzler zum 60.

Eine besondere Gratulation für unseren Gesellschafter, der sich das „orpheus“-Team sehr gerne anschließt!

Eine besondere Gratulation für unseren Gesellschafter, der sich das „orpheus“-Team sehr gerne anschließt!

Schlagerkönig Ralph Siegel und das Musical-Team der kommenden Uraufführung „Zeppelin“ am Festspielhaus Neuschwanstein haben ein fulminantes musikalisches und sehr privates Geschenk produziert, das wir gerne mit Ihnen teilen.

Alles Gute, lieber Manfred im Namen der ganzen „orpheus“-Redaktion. Danke für Dein Engagement und Deine vorbehaltlose Unterstützung, die unserem Magazin auch nach fast 50 Jahren eine Zukunft gibt.

Mehr über das Musical „Zeppelin“ lesen Sie übrigens in unserer kommenden Ausgabe Mai/Juni 2021.

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Blanke Utopie !?

Ein Kommentar von Wolf-Dieter Peter

Ein Kommentar von Wolf-Dieter Peter

Bei allem Trost via Stream: Das emotional packendste, weil schmerzlichste Bild kommt meist im Vor- und Abspann: das gähnend leere Theater – was für ein verordneter Un-Sinn! Was für soziale Härten für die vielen Beschäftigten! Was für ein künstlerischer Verlust! Was für ein erschreckend enges Kultur-Verständnis bei den gewählten Verantwortlichen – die sich bei festlichen Eröffnungen so gerne „kultur-affin“ ablichten lassen!

Da hat die Bayerische Staatsoper in einem zweimonatigen, wissenschaftlich begleiteten und evaluierten Test von Belüftung und Aerosol-Strömung bewiesen, dass kein Ansteckungsrisiko besteht – und das benachbarte Gärtnerplatztheater hat die modernste Belüftungstechnik aller bayerischen Theater. Da haben die eine Autostunde entfernten Tiroler Festspiele Erl bewiesen, wie einfaches Sitzen im Schachbrett-Muster alle Abstandsgebote einhält. Da ist aus den kleinen Zuschauerzahlen bei bisherigen „Konzerthäppchen“ bekannt, wie diszipliniert und regelbewusst sich letztlich alle dankbaren Besucher verhalten. Da gibt es Firmen mit Anti-Vir-Aerosol-Spray-Lösungen.

Nichts davon hat ein Jahr lang Wirkung gezeigt. Wie auch? Mit einem Kunstminister, der sich einmal jährlich bei einer Premiere zeigt und sonst theaterfern verwaltet, der nicht jeden zweiten Tag via Pressekonferenz zur Staatsoper, zum Kammerorchester, zum kommunalen Theater, für die freien Ensembles und vor allem den Solokünstlern kämpferisch „Öffnen und gemäß Konzept spielen!“ fordert und in Dauerschlaufe „Das ist systemrelevant!“ und „Nämlich für die seelische Gesundheit aller!“ predigt? Noch dazu mit dem dezenten Hinweis in Richtung Finanzpolitik, dass alles billiger ist als sämtliche Ersatzzahlungen?

Dagegen jetzt einmal die blanke Utopie: Der aller Kunst dienende Minister ruft von seinen rund 300 verbeamtet abgesicherten Schreibtisch-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern eine stattliche Anzahl zusammen, ordnet Dienstreisen in jedes Theater seines Bundeslandes an, organisiert Treffen mit Führungsstab und Betriebsdirektor zwecks Prüfung des Lüftungs- und Hygiene-Konzepts: Prompt wären mal 100, mal 200 bis 1.200 Besucher möglich!

Doch vom hochbezahlten Schreibtisch aus verwaltet sich Kultur wohl hygienischer …