„Rinaldo“ war 1711 der erste große Erfolg, als Georg Friedrich Händel auf seiner Reise zum europäischen Barock-Großmeister in London angekommen war. Seine Italien-Erfahrungen setzte er mit dem Schwung des ehrgeizigen, kommenden Stars am Londoner Opernhimmel in einen Opera-seria-Dreiakter um, der ein verwöhntes Publikum unterhalten und den gängigen Geschmack bedienen und formen wollte. Die Geschichte führt in die Zeit der Kreuzzüge vor die Tore Jerusalems, wo dem Titelhelden die Tochter des Heerführers Goffredo versprochen ist. Diese wird aber vom Finsterling Argante im Bündnis mit der Zauberin Armida entführt, bevor sich letztere selbst in Rinaldo verliebt. Ein barockes Wirrwarr als Vorlage für grandiose Melodien, die immer wieder von Bravour-Arien und mit einem der absoluten Händel-Hits („Lascia ch’io pianga“) gekrönt werden. Dass es mit magischer Hilfe zum unausweichlichen Happy End kommt, war damals nichts Ungewöhnliches.

Der Beitrag der Oper Halle zu den diesjährigen Händel-Festspielen schreibt diese Geschichte um. Walter Sutcliffe (Regie), Hartmut Schörghofer (Bühne) und vor allem Dorota Karolczak (Kostüme) entfesseln ein barockes Fest über das Zustandekommen der Londoner „Rinaldo“-Uraufführung. So wird aus den vorgegebenen Rollen der Urfassung ein gut gemachter, zwischen Menscheln und dezenter Parodie changierender Kampf der Sänger um den Rang ihrer Partien. Aus Eustazio und Goffredo werden mit dem vitalen Counter Constantin Zimmermann und der geschmeidigen Yulia Sokolik kurzerhand der Komponist selbst und sein cleverer, immer kurz vorm Zusammenbruch stehender Theaterleiter. Beide wollen unbedingt, dass der Vorhang auf der wunderbaren, fahrbaren Barockbühne mit dem düsteren Memento-mori-Portal für ihre Oper termingerecht hochgeht.

Da wird jede Nachforderung der maulenden Techniker letztlich beglichen und notfalls improvisiert. Da wird geschlichtet, wenn sich Vanessa Waldhart und Franziska Krötenheerdt als die beiden Diven wegen der Arien-Ausstattung der Zauberin Armida und der Rinaldo-Geliebten Almirena in die Haare kriegen. Da landet Ki-Hyun Park als finsterer Argante eben nur an Strippen auf der Bühne, wenn sein himmlisches Wagengespann kaputt geht und nicht auf die Schnelle zu reparieren ist. Dass der konditionsstark sichere Counter Christopher Lowrey als Rinaldo immer noch ein wenig mehr Rampenlicht bekommt, wenn er es will, versteht sich von selbst.

Das Großartige fürs heutige Publikum ist aber, dass nicht nur dieser wie ein Pfau aufgeputzte Sänger, sondern allesamt in vollem Kostüm proben. Das ist barocke Festspiel-Opulenz, wie man sie sich wahrscheinlich nicht allzu oft leisten kann! Auch wenn die Geschichte so nicht im Buche steht, erlebt man dennoch Festspiel-adäquates Barocktheater vom Feinsten, weil neben dem exquisiten Protagonisten-Ensemble auch das Händelfestspielorchester Halle seine Kompetenz in den Dienst der Sache stellt. Mit Michael Hofstetter am Pult dieses erstklassigen Spezialensembles ist der Abend dem Schwung und Zauber des Anfangs zwischen arienfein und mitreißend flott dicht auf den Fersen, mit dem schon Händel selbst Furore machte.

Roberto Becker

„Rinaldo“ (1711) // Opera seria von Georg Friedrich Händel

Infos und Termine auf der Website der Oper Halle